Vor dem Verfall gerettet

Gemminger Hof, Bad Wimpfen

Bauherr: Privat
Projektlaufzeit:  2005 – 2016

Fotos: Daniel Vieser Architekturfotografie, Karlsruhe

Der Gemminger Hof im historischen Burgviertel von Bad Wimpfen war der Stadthof der Freiherren von Gemmingen. Das herrschaftliche Gehöft aus drei Gebäuden und Freiflächen mit einer Ummauerung zählt zu den größten Anwesen im Burgviertel und steht als Sachgesamtheit unter Denkmalschutz. In der südlichen Traufwand finden sich Teile der Ummauerung der Pfalz Wimpfen aus dem 13. Jh. Das Haupthaus – ein zweigeschossiges Fachwerkgebäude auf Natursteinsockel – stammt aus der zweiten Hälfte des 18. Jh. Ergänzt wird der Hof aus einer Fachwerkscheune und einem Wohnstallhaus, ebenfalls aus dem 18. Jh. Außerdem umfasst das Ensemble einen ummauerten Gemüsegarten und innerstädtische Weinberge.

Im Jahr 2005 erwarb eine private Bauherrin den schon viele Jahre leerstehenden Hof. In einer umfangreichen restauratorischen Bestandsaufnahme wurde der gesamte Komplex bewertet und kartiert, wobei neben vielen bauzeitlichen Ausstattungselementen zahlreiche, teils substanzgefährdende Bauschäden festgestellt wurden.

An den ein Jahrzehnt dauernden Sanierungsarbeiten waren zahlreiche hervorragende Handwerker mit umfangreicher Erfahrung bei der Restaurierung denkmalgeschützter Gebäude beteiligt, u.a. Kirchenmaler, Spezialisten für die Restaurierung historischer Fenster und Steinmetzmeister.

Alle Arbeiten wurden in enger Abstimmung und mit Förderung der Denkmalschutzbehörde durchgeführt. Sehr großen Wert legte die Bauherrin auf den Erhalt bzw. die Rekonstruktion bauzeitlicher bzw. historischer Konstruktionsdetails, Farbfassungen und Ausstattungselemente. An einigen Stellen liegen die Schichten der einzelnen Wandfassungen offen und dokumentieren als „Zeitfenster“ den Wandel im Gebäude.

Nachträgliche Ein- und Anbauten wurden entfernt und verschlossene Fenster und Öffnungen freigelegt, um den ursprünglichen Zustand herzustellen. Bauteile, die an einer Stelle nicht mehr gebraucht wurden, wurden aufgearbeitet und kamen an anderer Stelle wieder zum Einsatz, z. B. Natursteine, Dielen und Beschläge. Mit sehr hohem Aufwand entstand so eine in vielen Teilen originalgetreue Restaurierung der Gebäude. Die Ansprüche moderner Nutzung als Wohnung bzw. Laden werden durch den sensiblen Einbau der erforderlichen Haustechnik dennoch erfüllt. Beispielsweise wurde die neue Verkabelung teilweise in vorhandenen, nicht mehr benötigten Wasserrohren verlegt.

Im Zuge der Bauarbeiten machten Handwerker immer wieder überraschende Entdeckungen: In der Scheune entdeckten sie unter dem Lehmboden eine Steinplatte, die den seit vielen Jahren verschollenen historischen Stauferbrunnen abdeckte. Im Haupthaus fand man in einem Abstellraum weiße Kacheln, die nach einer genaueren Untersuchung offenbar schon vor dem 1. Weltkrieg für einen Kachelofen bestellt, aber nie aufgebaut worden waren. Heute verbreitet der Ofen als moderner Gaskachelofen mit historischer Bekleidung wohlige Wärme.

 

Der Gemminger Hof kam bei der Bewerbung zum Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg 2016 unter 86 Einsendungen in die engere Auswahl von 12 Gebäuden.

Vor dem Verfall gerettetDorothee Egger